Helmut Passing
„Die Legitimation, über Menschen-Rechte zu sprechen, ergibt sich aus einer ganz besonderen Verantwortung“
Kommentar
zur Preis-Verleihung durch den Stifter Roland Berger
Der Titel dieses Kommentars ist Teil der von Bundestags-Präsident Dr. Norbert Lammert gestern gehaltenen Laudatio zur Verleihung des diesjährigen Preises für Menschen-Würde an drei Frauen-Rechtlerinnen und deren Organisationen in Indien, Pakistan und Afghanistan, von Phoenix live übertragen. Die Tatsache, daß diese Frauen und deren – unter unwürdigsten Umständen geleistete – Arbeit mit einem Preis gewürdigt werden, ist gar nicht hoch genug zu veranschlagen.
Gleichwohl sind einige kritische Anmerkungen nötig, und zwar nicht den Preis und dessen Idee betreffend, sondern in Bezug auf die Person des Stifters Prof. Dr. Roland Berger, dessen Intention und vor allem dessen sonstiges Gebaren.
- Es ging und es geht bei der Preis-Verleihung für Menschen-Würde und Frauen-Rechte gar nicht um die drei Frauen aus Indien, Pakistan und Afghanistan, und es geht gleich gar nicht um deren Organisationen.
- Natürlich geht es in der äußeren Form um diese, denn sie und ihre ebenso anstrengende wie gefährliche Arbeit zu Gunsten Dritter soll ja geehrt werden.
- In der inneren Form – und erst recht, wenn man als Insider darauf schaut und somit weiß, um wen es sich bei Roland Berger handelt – aber geht es um bloße Selbst-Inszenierung.
- Es geht darum, daß Roland Berger sich selbst feiert als der große Wohltäter, und dazu nimmt er die Öffentlichkeit, die Journalisten und den Bundestags-Präsidenten in eine Art emotionale Geisel-Haft.
- In der Tat ist dieser Preis außerordentlich wichtig. Doch gerade, weil das so ist, stößt dem Insider die ganze Veranstaltung umso säuerlicher auf wie stinkende, übel riechende und nicht minder schlecht schmeckende Milch, die nichts von jener Frische aufweist, die man mit jenem kräftigen Schluck Milch assoziiert, der einfach nur Freude und Wohlbefinden auslöst, wenn man ihn zu sich nimmt.
- Berger, der große und allseits geachtete Unternehmens-Berater von Welt-Format, möchte auf seine alten Tage gut dastehen.
- Dazu hat er eine Stiftung gegründet, und deshalb verleiht er Preise zu einem Thema, das in der Tat mehr als nur aller Ehren wert ist.
- Doch genau in dieser Tat steckt der Skandal; denn damit lenkt Berger ab von dem, wer er tatsächlich ist, er emotionalisiert und vernimmt ein.
- Dabei werden die Geehrten zu Statisten, die angesichts ihrer Dankbarkeit aus dem Staunen gar nicht rauskommen und mit dürren Worten versuchen, dieser Dankbarkeit Ausdruck zu verleihen.
- Bei alledem versinken sie fast im Boden vor Scham; denn nun stehen sie als Geehrte und zu Ehrende auf der großen Bühne des Herrn Professors, dem alle huldigen.
- Und natürlich geziemt es sich nicht, in diesem Moment der Feierlichkeit Fragen zu stellen. Einen Tag später aber ist, gerade dies zu tun, sittliche Pflicht.
- Ist den Verantwortlichen von Phoenix, dem Dokumentar-Kanal, eigentlich klar, wem sie hier die ganz große Bühne errichtet haben?
- Offenbar nicht. Denn bei so viel gezeigtem Edel-Mut und der Tatsache, daß Berger diesen Preis ja nicht zum ersten Mal verleiht, kam niemand auf die Idee, die Person Berger sowie deren Ziele und Absichten kritisch zu hinterfragen.
- Berger instrumentalisiert die Not von Frauen in der Dritten Welt zu seinen Zwecken.
- Er okkupiert ein Thema und lobt dazu einen Preis aus, den die Geehrten natürlich mit Dankbarkeit entgegennehmen, weil sie – die Gebeutelten und im Namen der Entrechteten Auftretenden – in der Tat diese große Bühne der Öffentlichkeit brauchen, um sich mit ihrem Anliegen Gehör zu verschaffen.
- Das alles ist wunderbar, wäre da nicht die Person des Stifters, die dem Ganzen jenen übelriechenden Beigeschmack gibt, der dem Wissenden die Zornes-Röte des Entsetzens ins Gesicht treibt.
- Man könnte das Ganze auch als hervorragend inszenierten Ablaß-Handel bezeichnen, als ein überdimensionales Schuld-Konto, von dem nun etwas – im Namen der Mildtätigkeit – abgetragen und somit getilgt wird.
Fragt sich nur, von wem und durch wen, und das ist der Punkt.
Nach Lage der Dinge müssen wir als kritische Beobachter dieser Berger-Show davon ausgehen, daß Dr. Norbert Lammert – dem Präsidenten des Bundestages und somit dem Zweiten Mann im Staate – nichts von den Hintergründen über die Person Roland Berger bekannt ist. Würde er darum wissen und trotzdem als Laudator aufgetreten sein, wäre alles noch viel schlimmer, und das ist bei diesem Mann und dessen Vita nicht vorstellbar.
- Gehen wir also davon aus, daß Lammert bei Vorbereiten und Abhalten seiner Laudatio nichts von den Berger-Hintergründen wußte.
- Dann aber hat er unbewußt Worte gesprochen, die unmittelbar auf Berger zurückwirken, indem er sagte:
- „Die Legitimation, über Menschen-Rechte zu sprechen, ergibt sich aus einer ganz besonderen Verantwortung.“
- Desweiteren sagte er: „Wir alle sind gefordert, dieser Einsicht zum Durchbruch zu verhelfen.“
- „Doch“, so Lammert weiter, „durch Erklärungen allein gelingt das nicht, sondern nur durch die Umsetzung in die Lebens-Wirklichkeit.“
- In diesem Zusammenhang zitierte er auch Jürgen Habermas.
- Berger entzieht sich seit Jahren auf ebenso tollkühne wie dreiste Art und Weise seiner Verantwortung, und das ihm Vorzuwerfende läßt sich mit nur sieben Worten auf den Punkt bringen:
- Auftrag: Zukunft gewinnen.
- Resultat: Konkurs durch Untreue.
- Berger hat nicht – wie es sein Auftrag war – die Zukunft des Karl-Heinz Seibold und dessen DMPG gestaltet, und weil er diese Zukunft nicht gestaltet hat, konnte diese auch nicht gewonnen werden.
- Stattdessen gründete er mit Seibolds Geld eine Auffang-Gesellschaft und trieb das prosperierende Unternehmen seines Klienten in den Konkurs, um – via Auffang-Gesellschaft – mit dessen Geld das Geschäft der Zukunft alleine – ohne Seibold – machen zu können.
- Das erfüllt den Tatbestand der Untreue, doch die Verantwortung dafür lehnt Berger – trotz erdrückender Beweise – seit Jahren mit peinlichsten Ausreden ab. Und wird darin von Anwälten und Richtern unterstützt, denen deshalb Rechts-Beugung sowie Straf-Vereitelung im Amt vorzuwerfen ist.
- Später hat Berger dann die Auffang-Gesellschaft vom Markt genommen, weil deren Erfolg der Beweis für die Zukunfts-Tauglichkeit der DMPG und deren öko-logischen Bau-Systems gewesen wäre.
- Um seine eigene Haut zu retten, schlägt Berger auch hier den Weg der Täuschung ein.
- Denn Geld spielt bei ihm nicht die herausragende Rolle, sondern Einfluß und Macht.
- Geld ist für ihn nur ein Mittel zum Zweck.
- Geld, das er seinem eigenen Klienten geraubt hat.
- Und dieser Mann, der es seit Jahren ablehnt, Verantwortung für sein Tun bzw. Unterlassen zu übernehmen, läßt sich nun vom Bundestags-Präsidenten feiern.
- Ein Mann aber, der die Verantwortung für seine Missetaten ablehnt, verfügt über keine Legitimation, über Menschen-Rechte und -Würde zu sprechen.
- Denn er hat sich als eines Menschen unwürdig verhalten und erwiesen.
- Und in der Tat sind wir alle – um es erneut mit Lammerts Worten zu sagen – „gefordert, dieser Einsicht zum Durchbruch zu verhelfen.“
- Durch wohlfeile Worte – allein durch Erklärungen – gelingt dies tatsächlich nicht.
- Es ist nötig, dies „in die konkrete Lebens-Wirklichkeit umzusetzen.“
- Diese konkrete Lebens-Wirklichkeit aber beinhaltet den Tatbestand des Leugnens jeder Verantwortung durch denjenigen, der sich erdreistet, in der Öffentlichkeit als Stifter eines Preises für Menschen-Würde aufzutreten.
- Dadurch führt Roland Berger sich selbst ad absurdum.
- Denn durch sein Verhalten dementiert er sich selbst.
Bis heute wird Roland Berger von ganz oben gedeckt, und dazu gehören zuvörderst die Bundes-Regierung und die Kanzlerin. Denn Berger fallenzulassen, würde den obersten Repräsentanten unseres Staates das Eingeständnis abverlangen, jahrelang von jemandem beraten worden zu sein, dem Konkurs-Betrug u.a. vorzuwerfen ist.
Nicht nur Berger selbst spricht seit Jahren öffentlich immer wieder von der großen und enorm wichtigen Vorbild-Funktion, die den Führenden in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft zukomme. Auch während der Preis-Verleihung war von dieser Vorbild-Funktion gestern die Rede.
Roland Berger jedoch ist das krasse Gegenteil eines Vorbildes. Er steht auf einer Stufe mit dem Steuer-Kriminellen Uli Hoeneß – nur mit dem Unterschied, daß er sich bislang nicht wie dieser selbst angezeigt hat.
Die einzige Größe, die man Roland Berger zusprechen kann und muß, ist seine Dreistigkeit; ja, darin hat er es zu wahrer Meisterschaft gebracht. Zu mehr aber auch nicht.
Immer wieder werden wir, wenn Skandale hochkochen, Zeuge der Tatsache, daß die Dinge ein paar Tage oder auch Wochen als sog. Aufreger in der Welt sind, um anschließend ins Nirwana des kollektiven Vergessens entsorgt zu werden.
Die obersten Repräsentanten unseres Staates scheinen vergessen zu haben, daß sie als eine Art Treuhänder für uns, die Bürger, tätig sind. Treuhänder aber haben eine besondere Fürsorge-Pflicht gegenüber denen, die sie mit der Treuhand-Aufgabe betrauen.
Zur Vorbild-Funktion der Führenden dieses Staates gehört auch, daß sie endlich anfangen, sich selbst und ihre Worte ernstzunehmen. Denn sonst werden diese auch weiter wie hohlklingendes Geschwätz wirken und ihre fatale Wirkung in Richtung weiter um sich greifender Politik- bzw. Politiker-Verdrossenheit entfalten.
Hier ist insbesondere die Kanzlerin – die neulich einen Brief in der Causa Berger erhalten hat – gefordert, endlich Stellung zu beziehen und sich von Berger öffentlich zu distanzieren. Tut sie das nicht, deckt auch sie weiter inkriminiertes Gebaren.
Allerdings müssen auch wir Bürger uns an unsere eigene Nase fassen und einräumen, daß wir uns viel zu viel und vor allem viel zu lange bieten lassen, was auf der Bühne der Eitelkeiten von den Oberen jeden Tag neu aufgeführt wird. Es bleibt abzuwarten, ob es die Opposition tatsächlich besser machen könnte und würde.
Freiburg im Breisgau, 22. April 2013
Thuner Weg 18